Stärken stärken und Schwächen schwächen

Jugendamtsleiter Berthold Büning referierte über Kinder-Armut

Dülmen. Eines stellte Berthold Büning, Fachbereichsleiter Jugend, Familie und Gleichstellung bei der Stadt Dülmen, zu Beginn seines Vortrages gleich klar: „In Dülmen ist niemand physisch bedroht. Hier sterben keine Kinder an Unterernährung.“ Gleichwohl gebe es aber auch Kinderarmut.
„Denn Armut muss nicht immer nur monetär, also finanziell gesehen, sein“ sagt der Experte aus dem Rathaus. Eine Befragung von Kindern bis 15 Jahre habe ergeben, dass auch ganz andere Dinge subjektiv als Armut wahrgenommen werden. Zum Beispiel: Eltern sind Alkoholiker, keine Freunde zu haben, verspottet zu werden oder dick zu sein. Damit überraschte Büning einige der durchaus zahlreichen Besucher am Donnerstagabend im St. Barbara Haus.

Büning ging in seinem Referat nicht so sehr auf die Dülmener Gegebenheiten ein, um vor Ort lebende Betroffene auch nicht in eine Ecke zu drängen. Er skizzierte die Problematik eher komplex. „Arm in Deutschland ist, wer weniger als 50 Prozent des hier geltenden, durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Bei einer Zwei-Eltern-Familie mit zwei Kindern unter 15 Jahren bedeutet das, weniger als 1499 Euro netto zur Verfügung zu haben. Wer Leistungen aus dem Ayslbewerberleistungsgesetz beziehe, müsse mit noch weniger auskommen. In Dülmen sind davon immerhin 70 Kinder aller Altersklassen betroffen.

Die Folge der Armut seien vielfältig. Häufig würden Kinder nicht am kulturellen Leben der Stadt teilnehmen, wie in Vereinen, Musikschule oder Büchereien. Früher sei an den Defiziten gearbeitet worden. Heute würden eher die vorhandenen Ressourcen bei Kindern gefördert. „Wir wollen die Stärken stärken und die Schwächen schwächen.“ Und das zum frühestmöglichen Zeitpunkt.

In der anschließenden Diskussion betonte Büning, dass die Zahl der Privat-Insolvenzen stark zugenommen hat. „Das liegt an der unerträglichen Leichtigkeit des Schuldenmachens.“ Die These „Einmal arm – immer arm“ wurde aber widerlegt. Es wurde festgestellt, dass es soziale Brennpunkte , wie zum Beispiel in Münster in Dülmen nicht gebe. „Dennoch gibt es rund 2500 Kinder im Kreis Coesfeld, die auf SGB II-Niveau, also Harz IV, leben müssen“, bemerkte ein Zuhörer.

Quelle: Dülmener Zeitung vom 17.03.2007