Bilder sind nicht verblasst

Gedenkveranstaltung zur NS-Zeit in Dülmen mit berührendem Zeitzeugenbericht

„Ich höre die Schreie noch heute.“ Es waren bewegende Erinnerungen, an denen Klara Töns am Dienstagabend im Pfarrheim Heilig Kreuz die Zuhörer teilhaben ließ. Die heute 90-Jährige lebte während des NS-Regimes in Dülmen und hat die Bilder von damals noch so klar vor Augen, als wenn dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte erst ein Wimpernschlag entfernt liegen würde.
In einem vollbesetzten Saal im Pfarrheim Heilig Kreuz führte die ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin Irmgard Knoke durch die GedenkveranstaltungIn einem vollbesetzten Saal im Pfarrheim Heilig Kreuz führte die ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin Irmgard Knoke durch die Gedenkveranstaltung
Unter dem Titel „Kreuz und Hakenkreuz“ lud der CDU-Stadtverband gemeinsam mit allen Dülmener Kirchengemeinden zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Aufhebung des Stadtwappens durch die Nationalsozialisten ein. Während der Abend musikalisch von Bernhard Weimann am Klavier eingeleitet wurde, erwarteten die rund 100 Gäste, unter denen sich auch Bürgermeisterin Lisa Stremlau befand, vor allem die Erzählungen der eingeladenen Zeitzeugin mit großer Spannung. „Die Bevölkerung hat sich dermaßen aufgeregt, als es hieß, dass das Stadtwappen verändert werden soll“, erinnert sich Töns.

Vor 75 Jahre wurde das Kleeblattkreuz, das Bezug auf den Stadtpatron St. Viktor nimmt, aus dem Wappen entfernt und durch eine Darstellung des Lüdinghauser Tors ersetzt. Erst 1947 kehrte man zum alten Wappen der Stadt mit christlichem Kreuz zurück. „Die Wiedereinführung des alten Wappens habe ich gar nicht so wirklich mitbekommen“, ging es Töns wie vielen Dülmenern in dieser Zeit. „Wir sind nach Rorup gezogen, weil die Innenstadt komplett zerbombt war. Zurückkehren konnten wir damals nicht, und was sich in der Stadt abspielte, bekam man deshalb auch gar nicht mehr so mit.“

Umso genauer erzählte Töns von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Sie berichtete vom Brand der Synagoge, die sich ganz in der Nähe ihres Elternhauses auf der Münsterstraße befand, von ihrer Lehre beim Laumann Verlag und der Beschlagnahmung des Unternehmens durch die Nationalsozialisten sowie die Verhaftung des damaligen Direktors. Ein Blick in die Gesichter der Zuhörer verriet, dass die Bilder jener Zeit bei vielen bis heute nicht verblasst sind: Während sich die Einen, angesichts der ungeheuren Brutalität, die Hand vor den Mund hielten, nickten andere und gaben zu verstehen: Ich war dabei, ich erinnere mich.

Leider hielt man unter den Gästen vergebens Ausschau nach Jugendlichen, für die vor allem der zweite Vortrag von besonderem Interesse hätte sein können. Unter dem Titel „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz – Christliche Jugend und der Nationalsozialismus in Westfalen“, referierte der Historiker Prof. Dr. Markus Köster über die Entchristlichung deutscher Jugendorganisationen durch Mechanismen der NS-Jugendpolitik. Er zeigte eindrucksvoll, welcher immense politische Druck damals insbesondere auf junge Deutsche ausgeübt wurde.
Einen weiteren Bericht finden Sie auf der Internetseite der

Kirchengemeinde Heilig Kreuz