Da saßen sie nun und schwiegen. Soeben hatte Jan Dirk Püttmann vor den rund 60 anwesenden Mitgliedern des CDU-Stadtverbandes im St. Barbara-Haus unter dem Titel „Zeit für Ideen“ ein wahres Feuerwerk an Zukunftsvisionen abgebrannt. Doch ihr Schweigen signalisierte nicht Desinteresse: Was der Bürgermeister skizziert hatte, war schlichtweg so beeindruckend, dass es verdaut werden musste
Der Anlass für die Rede war die Einladung an Dr. Klaus Peter Möller, Vorstandsvorsitzender des Eduard-Pestel-Instituts aus Hannover, gewesen. Dieses hatte die demographische Entwicklung im Kreis bis 2020 untersucht. Und die Dülmener Christdemokraten hatten die Mitgliederversammlung nutzen wollen, sich die Zahlen genauer erklären zu lassen.
Dr. Möller redete dabei durchaus Tacheles: So habe Dülmen trotz guter Lage zwischen 1995 und 2004 bei sozialversicherungspflichtigen Jobs ein Minus von fünf Prozent zu verzeichnen. Überhaupt sei festzustellen, dass die Stadt, bis 2000 immer über dem Landesdurchschnitt in dieser Kategorie, seitdem vom Rest des Kreises abgehängt werde.
Auch bei der Bevölkerung gingen die Zahlen in dieselbe Richtung: Um die Einwohnerzahlen auf gleichem Niveau zu halten, müsse das Geburtendefizit durch Zuzug ausgeglichen werden. Und hier sei der Kreis mit seiner Erwerbssituation und Siedlungsattraktivität stark. In Dülmen habe sich der Zuzug hingegen verlangsamt – wenn auch absteigend von hohem Niveau. Bei normaler Entwicklung bis 2020 sie deshalb von einer Einwohnerzahl zwischen 46.000 und 50.000 auszugehen.
Diese Bevölkerung werde allerdings älter. Kein neuer Fakt, aber Dr. Möller verdeutlichte, was das für die Infrastruktur bedeutet: minus 20 Prozent etwas bei Sekundarstufen I und II und bei Lehrstellen-Nachfragern, dafür ein Plus von 22 Prozent bei den Rentnern und sogar 38,9 Prozent bei den Hochbetagten (älter als 80 Jahre)
In Sachen Wohnungsmarkt kam die Studie schließlich zu dem Ergebnis, dass bis 2020 rund 2500 neue Haushalte entstehen könnten, denen beim aktuellen Baulandpreis von rund 160 Euro pro Quadratmeter allerdings nur 1300 vermarktbare Grundstücke gegenüber stünden. Wolle man die Einwohnerzahlen über die Zuwanderung stabil halten, sie hier dringend Nachbesserung geboten, so Möller.
Mit einem Dank an Dr. Möller, aber auch einen Seitenhieb auf den guten Glauben an teure Gutachten ergriff Bürgermeister Püttmann danach das Wort. Und stieg ein mit dem Thema Bildung: Weil Deutschland nur durch Zuwanderung auch in 50 Jahren noch ein bevölkerungsreiches Land sei, müsse das Bildungsangebot verbessert werden. In Dülmen müsse zum Beispiel über die Neuentwicklung des Schulzentrums und einem Ausbau der Ganztagesangebote nachgedacht werden.
Dem Verkehrsaufkommen könne man wiederum mit dem Ausbau des Radwegenetzes entgegen wirken, so Püttmann, der das niederländische Modell der Velo-Routen ins Gespräch brachte. Den Diskussionen um die Ansiedlung großflächigen Einzelhandels stellte er einen anderen Ansatz gegenüber: Weshalb nicht Straßen für Kaufhäuser weichen lassen und nicht die Straße zum Kaufhaus machen? Mit branchenspezifischen Angeboten in allen Läden, familienfreundlicher Betreuung und feien Parkplätzen.
Des Weiteren gelte es, die Stärken der Region zu nutzen: Reitwege, Bachauen und Naturparks könnten Aufhänger für naturnahe Projekte sein. Der Gesundheitstrend biete immense wirtschaftliche Chancen – und Dülmen habe mit seinem Angebot an Fachärzten, dank der neuen Strukturen für das Krankenhaus oder auch mit dem düb beste Vorraussetzungen zu bieten.
Schließlich könne auch die Religion in der Stadt Anna Katharina Emmericks ein Pfund sein, mit dem sich wuchern lasse. Wie wäre es etwa mit einem Zentrum der Religionen, wo Religion doch integrative Friedensarbeit sein?
Und in Sachen Konversion des Kasernengeländes regte Püttmann einen Freizeitpark an, mit Reitzentrum oder für Kleintierzüchter und Skater. Ein Kreis-Katastrophenzentrum könne für die Hilfsdienste entstehen, ebenso eine Jugendherberge. Oder ein europäisches Jugendbegegnungszentrum, in dem der Sinnkrise der EU entgegen gewirkt werde.
Quelle: DZ vom 03.06.06